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Turmuhr

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Die Geschichte der Turmuhr der Heilig-Kreuz-Kirche

 

TurmuhrWer durch die “Brauthalle” unsere Kirche betritt, dem wird jenes alte Uhrwerk aufgefallen sein, das dort seit geraumer Zeit aufgestellt worden ist. In einem gußeiserenen Rahmen befinden sich Zahnräder und Gestänge, die ineinander
greifen. Diese Konstruktion ruht auf einem Holzbock, so daß die dazugehörigen Gewichte an Rollen darunter hängen können. Im Vordergrund schwingt das Pendel.


Wenn man in den Akten blättert, entdeckt man, daß dieses Werk seine eigene Geschichte besitzt:

Es fing mit der Ausschreibung im Jahre 1893 an. Neben Max Hahn aus Zwickau sandten zwei “Großuhrmacher” aus Leipzig ihre Angebote ein: Bernhard Zachariä und [Friedrich} A.[ugustj Müller. Zachariä reichte einen Kostenanschlag von 1.950, dann 1.830 Mark ein; A. Müller versuchte, mit 1.700 und dann 1.550 Mark weit darunter zu bleiben.


Am 28.3.1894 entschied sich der Kirchenvorstand für A. Müller. Ausschlaggebend war neben dem günstigeren Preis wohl auch der Umstand, daß A. Müller schon die Uhr in der Schule zu Leipzig-Neustadt gebaut hatte. Schließlich einigte man sich mit A. Müller auf einen Preis von 1.625 Mark und auf das Übergabedatum 1.9.1894.


Uhren zeigen das Vergehen der Zeit an und erinnern somit an unsere Vergänglichkeit. Aber nur selten haben sie so direkt Anteil am Geschick ihres Konstrukteurs wie bei dieser Uhr. Es gehört zur Tragik dieses Uhrenbaus, daß
noch vor der Fertigstellung Friedrich August Müller am 10.8.1894 im Alter von 65 Jahren verstarb. Der Brief des Sohnes Bernhard Müller ist noch vorhanden, in dem er um Terminaufschub wegen des Trauerfalles bat und die Fortführung der Arbeiten durch ihn selbst zusicherte.


Offensichtlich war der Sohn überfordert. Die Trauer um den Tod des Vaters und die Fülle der liegengebliebenen Aufträge mögen dazu beigetragen haben; aber vielleicht fehlte ihm auch die fachliche Erfahrung und das notwendige Geschick?
Nachdem der Kirchenvorstand den Termin der Fertigstellung zunächst auf den 23.9. und im “Notfalle” auf den 1.10. verlängert hatte, verschob sich die Übergabe über den 31.12. schließlich auf den 8.2. 1895. Der Architekt Paul Lange und Pfarrer Pache waren zugegen. Aber schon ziemlich bald traten Mängel auf: 1900 mußte die Gasbeleuchtung des der Hedwigstraße zugewandten Zifferblattes erneuert werden.


1905 waren die drei anderen Zifferblätter verrostet; bemerkenswerterweise erhielt nun der Konkurrent Zachariä für die Reparatur den Auftrag, obwohl sein Kostenanschlag wiederum höher war, “weil er die beste Gewähr bietet”.

 

1910 entschied man sich wieder für die Firma Zachariä, um die “Nachteile” der Uhr zu beheben. “Die Uhr, deren Gangwerk eine Woche lang laufen sollte,” mußte “wöchentlich zweimal aufgezogen werden, eine Arbeit, die infolge der Konstruktion der Vorlegeräder... nur mit großer Anstrengung von einem kräftigen Manne bewältigt werden kann.”


Seit dieser Instandsetzung scheint die Uhr ohne nennenswerte Probleme gelaufen zu sein...


Nachdem 1917 wegen Kriegsmängeln die Beleuchtung vorläufig eingestellt worden war, wurde sie 1926 - nun elektrisch - wieder in Betrieb genommen. Nicht unwichtig ist dabei, daß der Rat der Stadt Leipzig eine solche Uhr im öffentlichen Interesse sah und deren Instandhaltung und Beleuchtung wesentlich mitfinanzierte.
1944 wurde das Glaszifferblatt in Richtung Eisenbahnstraße zerstört; 1950 folgte ein Metallzifferblatt.


Erst 1987 - nach etwa 92jährigem Betrieb - wurde das mechanische Uhrwerk durch ein elektronisches ersetzt.


Diese Uhr hatte während ihrer Entstehung besonders deutlich Anteil am Lauf der Zeit und dem Geschick der Menschen. Was Zeit eigentlich sei, bleibt ein Rätsel; wir spüren die Veränderungen um und an uns. Schließlich bleibt die Erinnerung.
Nach biblischen Glauben hat die Zeit einen Ursprung und ein Ziel, auf das sie selbst und wir in ihr hineilen.


In der biblischen Sprache wächst daraus ein Wort persönlichen Vertrauens:
“HERR, meine Zeit steht in deinen Händen.” (Psalm 31,16)

C. Grunow, Oktober 1996

 

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